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Schwäbische Zeitung - Samstag, 13. Januar 2007

Museum zur Geschichte von Christen und Juden

Was Autoren über eine Person deutsch-jüdischer Kulturgeschichte sagen

Laupheim (mm) — „Jud Süß“ — Geschichte(n) einer Figur — das Thema der szenischen Lesung im Schlosscafé am Donnerstagabend. Elisabeth Schick, Fidelis Braig und Alfred Jerg haben aus den Werken verschiedener Autoren rezitiert.

Joseph Ben Issachar Süskind Oppenheimer (1698 bis 1738), bekannt unter der Bezeichnung „Jud Süß“, ist eine der bedeutendsten Personen der deutsch-jüdischen Kulturgeschichte. Er lebte in einer Zeit, in der die jüdische Bevölkerung alles andere als gleichberechtigt war. Er erwirbt das Vertrauen von Prinz Carl Alexander und macht unter dem späteren württembergischen Herzog (seit 1733) eine steile Karriere. Zuerst Privatbankier seines Fürsten, arbeitet er sich allmählich zum ungekrönten Herrscher des Landes empor. Als sein Dienstherr 1737 stirbt, wird er von seinen Feinden und Neidern angeklagt und schließlich zum Tode durch Hängen verurteilt.

Hellmut G. Haasis (geboren 1942), der in seinem Roman „Joseph Süß Oppenheimers Rache“ historisch gesicherte Erkenntnisse mit freier Erfindung verbindet, beschreibt eindringlich die unwürdigen Lebensbedingungen der Juden in Heidelberg während Oppenheimers Jugendzeit. Dieser will dem allgegenwärtigen Judenhass entrinnen.

Wilhelm Hauff (1802 bis 1827) zeichnet in seiner Novelle „Jud Süß“ vor pompöser Karnevalskulisse 1737 ein wenig schmeichelhaftes Bild des Karrieristen. Zwei Männer aus dem Volk stellen ihn unter dem Schutz der Maskenfreiheit vor allen Leuten bloß. Nur mit Mühe ist der Wütende vor unbesonnenen Handlungen zu bewahren.

Die jüdische Schriftstellerin Selma Stern (1890 bis 1981) hat sich dem Phänomen Oppenheimer auf wirtschaftswissenschaftlicher Basis genähert. Sie sieht sein Licht- und Schattenseiten, aber auch seine historisch-politische Bedeutung für Württemberg. Der vorgetragene Text beschreibt die sich scheinbar widersprechenden Eigenschaften des Menschen Oppenheimer.

Aus dem Theaterstück „Jud Süß“ von Paul Kornfeld (1889 bis 1942) wurde ein Gespräch des wohlwollenden Herzogs mit Oppenheimer wiedergegeben. Als der Fürst plötzlich zusammenbricht, drängt er seinen Vertrauten, umgehend zu fliehen. Doch es ist zu spät. Kaum wird der Tod des Regenten bekannt, wird Oppenheimer verhaftet.

Für seinen ersten Roman „Jud Süß“, der dem Drama Kornfelds zugrunde lag, fand Lion Feuchtwanger (1884 bis 1958) zuerst keinen Verleger. Bis heute sind davon 21 Millionen Exemplare in 23 Sprachen verkauft worden. Es seinen „Zehn Prozent Geschichte, 90 Prozent Autor“, sagte Feuchtwanger zu seinem Buch. In dem ausgewählten Beitrag erzählt er ausdrucksstark die letzten Stunden Oppenheimers.

Rund 50 Zuhörer ließen sich von den lebendigen Vorträgen in die Zeit des Joseph Süß Oppenheimer entführen. Stefanie Hazenbiller und Gerd Seemüller ergänzten die Eindrücke mit dem Akkordeon.

Südwest Presse - Donnerstag, 20. November 2006

Geschichte: "Jud Süß"-Ausstellung in Laupheim

Annäherungen an eine ambivalente Figur der deutsch-jüdischen Geschichte: Eine Laupheimer Ausstellung beschäftigt sich mit „Jud Süß“ Oppenheimer

Von Magdi Aboul-Khier

Laupheim

Alles längst vergangen, verarbeitete Geschichte? Nein. Gerade mal drei Jahre ist es her, da schrieb Henryk M. Broder nach der Michel-Friedmann-Affäre, dieser sei „der Jud Süß unserer Tage“. Fast jeder kennt den Namen aus dem Nazi-Film, vielleicht auch aus dem Feuchtwanger-Roman — doch wer war Joseph Süß Oppenheimer, was hat es mit der ambivalenten Wirkungsgeschichte dieser Figur auf sich? Eine Ausstellung im Schloss Großlaupheim gibt Antworten.

Oppenheimer (1684-1737) war Finanzberater des württembergischen Herzogs Karl Alexander. Wegen seiner Privilegien und einer rigiden Steuerpolitik kam der „Hofjude“ ins Gerede, nach dem Tod des Herzogs wurde er hingerichtet — sechs Jahre ließ man den Leichnam im Käfig am Galgen hängen. Auf knapp 20 Tafeln (hier gibt es zu lesen, weniger zu schauen) wird in der — von Göttinger Historikerinnen erarbeiteten — Ausstellung dargelegt, wie die Figur Oppenheimer literarisiert, verzerrt, erforscht wurde. So schrieb Wilhelm Hauff 1827 eine Novelle, in der Jud Süß nur als machtgieriger Ausbeuter erschien. 1925 legte ihn Lion Feuchtwanger in seinem Roman als vielschichtige Figur zwischen jüdischer und christlicher Kultur an. Selma Stern porträtierte ihn 1929 in einer Biographie als fortschrittlichen Staatsmann und Wirtschaftspolitiker.

1934 entstand in England — an Feuchtwangers Buch angelehnt — der Film „Jew Süss“, der in Deutschland angesichts des wachsenden Antisemitismus nicht zu sehen war. Ganz im Gegenteil zu Veit Harlans berüchtigtem Streifen (1940), ein mal raffinierteres, mal eher plumpes Propagandawerk, das im Gewand der historischen Kinounterhaltung daherkam. „Ausgezeichnet geworden. Der erste wirkliche antisemitische Film“, lobte da Joseph Goebbels. Bis heute ist Harlans „Jud Süß“ ein „Vorbehaltsfilm“: Er darf nur mit Zustimmung der Murnau-Stiftung gezeigt werden, und nur, wenn es eine qualifizierte Einführung und anschließende Diskussion gibt. So wie am Donnerstag 7. Dezember, 19.30 Uhr, im Laemmle-Kino im Schloss Großlaupheim.

Schwäbische Zeitung - Samstag, 4. November 2006

Ausstellungseröffnung "Jud Süß": "Jud Süß" muss als Sündenbock herhalten

Laupheim — Die Laupheimer Schalomtage haben begonnen. Zum ersten Auftakt ist am Donnerstag im Museum zur Geschichte für Christen und Juden die Ausstellung „Jud Süß — Geschichte(n) einer Figur“ eröffnet worden. Zu sehen ist die Schau im zweiten Obergeschoss bis zum 14. Januar 2007 — begleitet von einem Rahmenprogramm.

Von unserer Redakteurin Elisabeth Ligendza

Er hat eine unerhörte Karriere hingelegt. War Anfang des 18. Jahrhunderts zum Geheimen Finanzienrat des Herzogs von Württemberg aufgestiegen. Pflegte einen mondänen Lebensstil. Wurde aber verantwortlich gemacht für ungeliebte finanzpolitische Entscheidungen. Und schließlich hingerichtet ohne einen Schuldbeweis. Joseph Süß Oppenheimer, bekannt als Jud Süß, elektrisierte die Menschen bereits zu seinen Lebzeiten. Sechs Göttinger Wissenschaftlerinnen haben rund um die Person des Jud Süß eine Ausstellung konzipiert, die nun einige Wochen in Laupheim zu sehen ist. „Was uns an Jud Süß interessiert hat, ist, dass die Figur noch nicht zur Ruhe gekommen ist. In der Ausstellung sind wir nicht auf der Suche nach der Wahrheit über die Person. Thema der Schau ist das Nachleben von Jud Süß etwa in Literatur und Film“, sagte Mona Kleine, eine der Göttinger Wissenschaftlerinnen, am Donnerstag bei der Ausstellungseröffnung.

An Stelen, Hörstationen und Bildschirmen können sich die Besucher informieren. Bekommen etwa Hörproben aus Lion Feuchtwangers Süß-Roman oder Ausschnitte aus dem NS-Propagandafilm „Jud Süß“ zu sehen. Klar wird, so Mona Kleine, dass Oppenheimer für eine ganze Reihe von Stereotypen herhalten muss — angefangen beim „Geldjuden“ bis zum „Verführer christlicher Mädchen“. „Jud Süß“ ist ein Sinnbild für die Sündenbockfunktion der jüdischen Bevölkerung“.

Bürgermeisterin Monika Sitter eröffnete die Ausstellung, sie erinnerte daran, dass Laupheim mit den Schalomtagen „Raum und Gelegenheit zum Gedenken und Erinnern“ gebe. Zum Erinnern an den Brand der Laupheimer Synagoge etwa. Das Gebäude brannte 1938 in der so genannten Reichskristallnacht. „Die Ausstellung ergänzt in bester Weise das Thema unseres Museums“, lobte Sitter.

Jüdische Allgemeine Nr. 28/06 - Donnerstag, 13. Juli 2006

Jud Süß in Göttingen - Stimmen zu einer schwierigen Ausstellung über Joseph Oppenheimer

Von Michael Caspar

Veit Harlan war ein Naziregisseur. Das jedenfalls befanden jene Studenten, die 1952 in Göttingen und in anderen Städten die Vorführung des Veit-Harlan-Films Hanna Amon zu sprengen versuchten. 1940 hatte Harlan mit dem Hetzfilm Jud Süß einen beachtlichen Publikumserfolg erzielt. Nach dem Krieg produzierte Harlan in Göttingen Liebesdramen.

Die zweifelhafte Karriere des Veit Harlan thematisiert jetzt die Ausstellung „'Jud Süß' — Geschichte(n) einer Figur“, die zur Zeit in Göttingens St.-Jacobi-Kirche zu sehen ist. Auf 19 Schautafeln verfolgen die Sozial- und Geisteswissenschaftlerinnen Irene Aue, Miriam Hesse, Inga Hoolmans, Mona Kleine, Frauke Klinge und Ariadne Sondermann die Wandlungen des Bildes von Joseph Süß Oppenheimer, der 1698 in Heidelberg als Sohn einer vermögenden Familie zur Welt gekommen war. 1732 lernte er den württembergischen Prinzen Karl Alexander kennen, unter dem ihm als Hoffaktor eine beispiellose Karriere gelang. Viele deutsche Fürstenhäuser setzten im 17. und 18. Jahrhundert solche Finanziers ein, die die nach dem Dreißigjährigen Krieg darniederliegenden Staatshaushalte sanieren sollten.

Oppenheimer leitete, inspiriert vom merkantilen Wirtschaftsmodell des absolutistischen Frankreich, einschneidende Reformen ein. Damit machte er sich die bisher tonangebenden Stände und Zünfte zu erbitterten Gegnern. Diese bedienten sich an antijüdischen Ressentiments, um gegen den Geheimen Finanzrat Stimmung zu machen. Sie warfen Oppenheimer dessen Assimilation und amouröse Abenteuer mit Christinnen vor. Nach dem Tod des Herzogs sorgten sie für die Verhaftung des Geschäftsmannes und ließen ihn 1738 in Gegenwart von mehreren Tausend Zuschauern am Galgen hinrichten.

Wie antisemitisch aufgeladen die Figur Jud Süß bis heute ist, zeigt die Ausstellung. Eva Tichauer Moritz, Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen ist von der Ausstellung begeistert. „Als Lehrerin freue ich mich über die durchdachte Didaktik. Das Thema ist vorbildlich aufbereitet. Für ältere Schüler ist die Ausstellung gut geeignet, um sich mit dem Thema Antisemitismus auseinanderzusetzen..“ Allerdings wünscht sie sich, dass es die Begleitzettel auch auf Russisch geben würde, damit auch den Zuwanderern aus der früheren Sowjetunion der Zugang erleichtert wird. Die historische Figur Oppenheimer nötige ihr Respekt ab, sagt Tichauer Moritz. „Mich hat beeindruckt, dass Oppenheimer im Gefängnis nicht versuchte, seinen Kopf durch den Übertritt zum Christentum zu retten. Im Gegenteil: In der Haft fand er zu seinen jüdischen Wurzeln zurück und bekannte sich zu ihnen.“ Haral Jüttner, Vorsitzender der liberalen Jüdischen Gemeinde Göttingen und stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen, nahm an der Ausstellungseröffnung teil. „Ich begrüße es, dass sich Nichtjuden mit diesem Thema auseinandersetzen, denn gerade sie geht es an.“

Die Ausstellung befasst sich auch mit den Versuchen der Ehrenrettung Oppenheimers. So hebt die Historikerin Selma Stern dessen fortschrittliche Wirtschaftspolitik hervor. Großen Erfolg erzielte Lion Feuchtwanger mit seinem 1925 erschienenen Roman Jud Süß, der 1934 in England verfilmt wurde. Das positive Bild ärgerte NS-Propagandaminister Joseph Goebbels. Der sorgte für die Produktion des Harlan-Fims, der gezielt vor Deportationen lief. Heute sind Vorführungen des Films nur im Rahmen von Veranstaltungen zur NS-Geschichte erlaubt. Und selbst dann bleiben sie umstritten. Als der Film 2001 im Jüdischen Museum in Fürth gezeigt werden sollte, gab es vehemente Ablehnung. Der Publizist Ralpg Giordano sprach vom „heimtückischsten Stück Antisemitismus“, das er kenne. Die Göttinger Schau dokumentiert den Film in Ausschnitten.

Göttinger Tageblatt, Dienstag, 20. Juni 2006

Ausstellung in St. Jacobi erinnert an „Jud Süß“

Joseph Süss Oppenheimer: Karriere und Absturz / Antisemitisches Zerrbild in Harlan-Film

Eine Ausstellung über „Jud Süß“ zeigen sechs Wissenschaftlerinnen in der Jacobikirche. Sie verfolgen die Spuren des Geheimen Finanzrats Joseph Süss Oppenheimer bis in die Gegenwart.

Göttingen (mic.) Mit dem Hetzfilm „Jud Süß“ gelang Veit Harlan 1940 in Nazideutschland ein Publikumserfolg. Nach dem Krieg setzte der umstrittene Regisseur in der damaligen Filmstadt Göttingen seine Karriere fort. Daran erinnert die Ausstellung „Jud Süß“, die in der Jacobikirche zu sehen ist. Gegen Harlans Comeback regte sich seinerzeit Protest. In Göttingen versuchten Studenten Filmvorführungen zu sprengen. Junge Arbeiter verprügelten sie dafür. Darauf ging Bettina Kratz-Ritter von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit bei der Ausstellungseröffnung vor 150 Zuhörern ein. Harlans Film stellt die Karriere des jüdischen Kaufmanns und Finanzexperten Joseph Süss Oppenheimer antisemitisch verzerrt dar. Oppenheimer gehörte zu jenen jüdischen Hoffaktoren, die im 17. und 18. Jahrhundert an den Höfen deutscher Adliger die Finanzen sanieren sollten. Die deutschen Kleinstaaten waren nach dem Dreißigjährigen Krieg ausgeblutet. Als Geheimer Finanzrat des württembergischen Herzogs führte Oppenheimer einschneidende wirtschaftliche Reformen durch, die auf erbitterten Widerstand der Stände stießen. Im Gegensatz zu anderen Juden passte sich Oppenheimer den höfischen Sitten an. Er suchte amouröse Abenteuer. Als der Herzog überraschend starb, wurde der Finanzrat inhaftiert und 1738 nach einjährigem Prozess gehenkt. Die Leiche blieb sechs Jahr am Galgen hängen. Die sechs Geistes- und Sozialwissenschaftlerinnen, denen die Projektidee 2003 während eines Seminars an der Uni Göttingen kam, verfolgen die Wandlungen des Oppenheimer-Bildes in Deutschland. Sie erinnern an Versuche der Ehrenrettung, bei denen der innovative Finanzexperte gewürdigt wird. Sie thematisieren den Eklat, zu dem es 2001 in Fürth kam. Dort sollte im Rahmen einer Veranstaltungsreihe Harlans Film in der Jüdischen Gemeinde gezeigt werden. Sie gehen auf Hendryk Broder ein, der 2003 Michel Friedmann mit Oppenheimer verglich. Der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland war über einen Sex- und Drogenskandal gestolpert. Die Ausstellung ist bis zum 2. Juli täglich von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Jeweils um 15 Uhr gibt es Führungen.